In der Nacht vom 14. zum 15. April 1912 kollidierte eines der modernsten
und größten Schiffe seiner Zeit im nördlichen Atlantik mit einem
mittelgroßen Eisberg. Ein direkter Aufprall wurde durch ein
Ausweichmanöver verhindert, allerdings wurde der Bug der "Titanic"
auf einer Länge von 90m beschädigt und die vernieteten Stahlplatten
platzten abschnittsweise auseinander - Wasser dringt ein und zieht
langsam aber unerbittlich den Bug unter die Wasserlinie, das Schiff ist
verloren.
Das Schicksal der Titanic hat zahllose Bücher und Filme inspiriert, die
Geschichte des zweiten großen Darstellers, des Eisbergs, ist heute aber
fast vergessen.
Abb.1. Eisberg und Eisfeld, fotografiert von Bord der "Carpathia", das erste Schiff das die Unglückstelle am Morgen des 15. April erreichte, aus dem Buch "Sinking of the Titanic - The World´s Greatest Sea Disasters"
(1912).Es gibt zahlreiche Berichte von Überlebenden die den Eisberg der Titanic
beschreiben, und noch mehr Photographien die später von Schiffen aus
aufgenommen wurden. Allerdings gibt es keinen eindeutigen Beweiße das
unter den gesichteten Eisberge tatsächlich der "schuldige" Berg gefunden
wurde.
Eisberge im Nordatlantik stammen vorwiegend von den kalbenden Gletschern an der Westküste von Grönland. Meeresströmungen treiben diese dann mit
einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 0,7 Stundenkilometer
zunächst nach Norden bis zur Kanadischen Küste. Hier geht die
West-Grönland Meeresströmung in den Labradorstrom über, der nach Süden
hin "fließt" - und mit ihm auch zehntausende von kleinen und großen
Eisbergen. Vor der Küste Neufundlands treffen die kalten
Meeresströmungen auf den warmen Golfstrom. Nur noch wenige Eisberge
überdauern bis zu diesem Punkt die 5.000 Kilometer lange Reise, aber
genau hier kreuzen sie die viel befahrene Nordatlantikroute. Es wurde
spekuliert ob 1912 die Anzahl von größeren Eisbergen in diesem Gebiet
ungewöhnlich war. Zahlreiche telegraphische Meldungen wurden seinerzeit
an die Titanic gesendet, zumeist von Schiffen die Eisberge gesichtet
hatten oder in der Nacht auf eine Weiterfahrt verzichteten und vor
Eisfeldern stoppten. Die Anzahl der Meldungen scheint außergewöhnlich
hoch zu sein, allerdings gibt es keine offiziellen Zahlen, da vor 1912
Eisberge nicht überwacht wurden. Erst nach der Katastrophe wurden
zunächst Frachter, später Kriegschiffe, auf Patrouille im Nordatlantik
geschickt.
Das vermehrte Auftreten von Eisbergen wurde durch Temperaturschwankungen
im Nordatlantik erklärt: nach einer Arbeitshypothese verstärkten milden
Temperaturen in den Jahren 1900 bis 1910 die Aktivität der Gletscher in
Grönland, mehr Eisberge wurden daher auf "die Reise geschickt". Eine
alternative Hypothese schlägt vor, dass die kalten Wassertemperaturen
seit 1910 ein Vorstoßen der Eisberge nach Süden hin begünstigte. Beide
Hypothesen sind schwierig zu überprüfen, da es keine genauen Daten zur
Anzahl der Eisberge bis 1912 gibt. Es scheint eine schwache Korrelation
im 20 Jahrhunderts zwischen der Temperatur des Atlantiks und die Anzahl
gesichteter Eisberge auf den 48. Breitengrad zu geben, allerdings sind
die Schwankungen beträchtlich und vermutlich gab es bevor und nach der
Titanic starken Eisgang; 1912 war daher wahrscheinlich kein besonderes
Jahr und die Kollision, wie so oft, ein Unglück.
Im Jahre 1820 gab sich der Salzburger Kreishauptmann Graf Welsperg-Raitenau über "die Verwilderung der Alpen" besorgt. Landgerichts Verweser Joseph Ferdinand Hermann antwortete mit einem Bericht "über ein Gebiet von der Länge von 8 Fußstunden vom Hüttwinkeltauern bis zum Heiligenbluter [wo Gletscher] Tauern Weiden vernichtet haben, die vordem mit Rindvieh angekehrt waren". Der Verwalter fügt auch eine Bemerkung zu seiner "Uiberzeugung dass das Klima in Rauris seit Jahrhunderten erkaltet und daher auch die Alpen verwilderten" an. Zahlreiche Pfarrbücher und Chroniken berichten vom Unmut der damaligen Bevölkerung über das Klima.So mußte im Jahre 1644im Montblanc-Gebiet eine Prozession zum Gletscher beim Dorf Les Bois organisiert werden, da dieser angeblich um 120m vordrang und das Dorf bedrohte. Der Bischof von Genf segnete den Les-Bois-Gletscher höchstpersönlich. Auch der Aletschgletscher im Berner Oberland begrub wertvolles Ackerland unter sich. Jesuitenpatres besprengten den Gletscher im Namen des heiligen Ignatius und auch zum Vernagtferner in den Ötztaler Alpen wurden Bittprozessionen organisiert. In einer landwirtschaftlich geprägten Wirtschaft waren diese Gletschervorstöße und Wetterkapriolen nicht nur ein religiöses Problem, sondern auch mit erheblichen Einbußen verbunden. Wenn der Schnee länger liegen blieb, wurden, aufgrund der verkürzten Weidedauer, Sennalmen in Galtalmen umgewandelt. Wenn diese „Kuhgräser“ vom Gletscher überfahren wurden und selbst selbst Schafe kein Auskommen mehr fanden, mussten hoch gelegene Höfe teilweise aufgegeben wurden. In 1817 mussten die Gampenhöfe im Südtiroler Innersulden (auf 1.878m Seehöhe) geräumt werden, da der vorstoßende Suldenferner bedenklich nahe der Hofstelle kam und der Gletscherbach die Hofstelle vermurte.
Abb.1. Der 1850er Moränenwall des Rotmoosfernes im unteren Bildabschnitt markiert die maximale Ausdehnung der Alpengletscher in den letzten 10.000 Jahren.
Die sogenannte kleine Eiszeit, die vom 16 Jahrhundert bis ungefähr um die Mitte des 19. Jahrhunderts dauerte, war eine Phase starker Gletschervorstöße in den Alpen, sowie gekennzeichnet durch einen starken Kontrast zwischen den Jahreszeiten, besonders den sehr kalten Wintern. Die Ursachen für diese Kaltphase ist noch nicht ganz geklärt. Das überaus kalte Jahrzehnt um 1810 fällt mit einem Minimum der solaren Einstrahlung zusammen und mit einigen starken Vulkanausbrüchen (darunter der Tambora im Jahre 1815). Der Sommer 1816 war in den Alpen der kälteste der letzten 1.250 Jahren. Aus Eisbohrkernen lässt sich ableiten das auch um 1275-1300 und 1450 zahlreiche Vulkane ausgebrochen sind. Möglicherweise hatten vulkanische Gase und Asche in der Atmosphäre eine abschattende Wirkung, die verminderte Sonneneinstrahlung führte zu einer generellen Abkühlung.
Die kleine Eiszeit wurde vom Industriezeitalter abgelöst. Der Ausstoß von Treibhausgasen hat die mittlere Jahrestemperatur in den Zentralalpen zwischen 1850 bis 2013 um 2°C steigen lassen. Vom letzten Hochstand im 19.Jahrhundert bis 1975 haben die 5.000 Alpengletscher ein Drittel ihrer Fläche und die Hälfte ihrer Masse verloren, in den anschließenden 30 Jahren sind sie noch einmal um ein Drittel geschrumpft.
„Die großen Ereignisse in den Alpen kommen aus dem Kult, aus der großen Angst vor den Bergen, den Gefahren, den Bedrohungen. Überall schlägt der unbarmherzige Bergtod zu, reißt seine geliebten Murbrüche aus allen Steilhängen und Runsen, lockt die wunderschönen weißen Todeslawinen aus den offenen Steilhängen, und sie jauchzen zu Tal, immerfort das Verderben hinter sich herziehend. Wehe, wehe den darunter wohnenden Lebewesen, den Menschen, Schafen, Ziegen, Bergböcken, Gemsen…[]… Zur Abwendung drohender Gefahren haben sich die Menschen ihre kultischen Spiele ausgedacht, meist sinnlose Ablenkungsmanöver, kleine Beschwichtigungsversuche angesichts der übermächtigen Kraft dort oben, ganz oben, auf den Graten und Abbruchstellen, den Karen und Murensammelstätten...[]. Also haben die kleinen Menschlein ihre Ablenkungsspielchen ersonnen, ganz und gar harmlose Menschenzaubereien.“ HAID, H. (1990): Mythos und Kult in den Alpen.
Naturgefahren haben schon immer das Leben und Gut der Alpenbewohner bedroht. Zahlreich sind die überlieferte Katastrophen, Bergstürze, Lawinen, Überschwemmungen undUnwetter. Naturkatastrophen wurden als von einer höheren Macht (sprich "Gott") gesandt oder zumindest (zeitweise) tolerierte Ereignisse angesehen, zahlreich sind die Legenden von Hexen die „Wetter machen“ und Dämonen die Muren verursachen. Auch, oder vielleicht besonders, waren Gletscher gefürchtet. Der Schweizer Naturforscher Horace-Bénédict de Saussure (1740-1799) schreibt „Ich selbst habe in meinen Kindertagen Bauern behaupten hören, der ewige Schnee sei ein Fluch, der auf den Bergbewohnern zur Strafe für ihre Frevel laste“. Zahlreich sind auch die Bräuche die versuchen diese Naturkräfte zu bändigen.
Auch Mythen wiederspiegeln geologische und klimatologische Ereignisse in den Alpen wieder. Die Fanes-Sage ist ein Epos der Ladiner, der ursprünglichen Bewohner der Dolomiten.
Einst, so die Erzählung, verriet der König der Fanes sein Volk an die verfeindeten Cayutes, wobei das Reich zerstört wurde. Der König wurde versteinert und wartet am Falzarego Pass ("el fausto rego" – der falsche König) noch heute auf den versprochenen Lohn für seinen Verrat. Die Königin dagegen wartet im Reich der Murmeltiere auf die „verheißene Zeit“, wenn das Reich der Fanes wieder auferstehen wird.
Abb.1. Das Parlament der Murmeltiere auf der Fanes-Hochfläche.
Möglicherweise
wiederspiegelt diese Sage eine klimatische Veränderung seit der
Bronzezeit wieder – als die verkarsteten Hochflächen grün und fruchtbar
waren. Am Castel del Fanes wurden Spuren einer Wallburg entdeckt. Als das Klima harscher wurde mußten die Hochlagen aufgegeben werden, nur die Sage erinnert an die ehemaligen "goldenen Zeiten" und das sich das Klima auch wieder ändern kann, wie die verheißene Zeit verspricht.
Giulio Battesta Spescha (1752-1833) schreibt in seinem Buch "Das Clima der Alpen" (1818) „Zufolge meiner 35jährigen Beobachtungen (1783-1818) sind die Schweizerischen Alpen seit einer Reihe von Jahren, vorzüglich aber seit dem Jahre 1811 fortwährend rauer geworden. Diese meine Ansicht wird durch folgende Beobachtungen unterstützt und bestätigt.1. Viele Alpen, welche ehemals Weidegänge darboten, sind seitdem mit Schnee und Eisbedeckt worden. 2. Der Holzwuchs hat sich in den Alpen erheblich gemindert. 3) Die Eis- und Schneemassen haben sich beträchtlich angehäuft und sind stark talabwärts gegangen… Etwa vor 30 Jahren erstieg ich den Piz Muraun [2899m] zwischen dem Medelser- und Sumvixertal. Sein Gipfel war damals mit Gras und Blumen bewachsen, ist aber jetzt seit mehreren Jahren mit Schnee bedeckt.“
Die erste bekannte Gletscherdastellung überhaupt wurde um 1601 von Abraham Jäger angefertigt, als nämlich der Gletschersee, der durch den Vernagtferner aufgestaut wurde, das Ötztal gefährdete. Dieser Gletscher wurde anschließend so bekannt, dass er schon bald zum Ersten Mal auf einer Karte des Kartograph Warmund Ygl, um 1605 herausgegeben, auftaucht. Ygl zeichnet eine weiße Masse ein, die die Bergsignatur überdeckt ein, mit der Beschreibung „Der Groß Verner – Glacies continua et perpetua“. Diese Darstellung im Kartenwerk wird von zahlreichen späteren Kartographen, wie Matthäus Merian (1649), übernommen werden. Im zur Karte gehörenden Kommentar erwähnt Ygl: „Jenes verhärtete Eis ist zusammenhängend und dauernd; unter ihm entspringen im Umkreis zahlreiche Gewässer, die sich in die verschiedenen Richtungen ergießen (die teils vom Inn, teils von der Etsch aufgenommen werden). Es macht hier zahlreiche und tiefe Spalten, die, wenn sie nicht offen liegen, weil vom Schnee verdeckt, die darüber Gehenden in Lebensgefahr bringen. Bauern, Bergleute und Jäger pflegen nämlich im Sommer in der Richtung von Tal zu Tal über jenes Eisgebirge zu gehen.“ Zum Vernagtfernerwurden im Lauf der Zeit zahlreiche Prozessionen unternommen um mittels göttlichen Segens einen Seeausbruch abzuwenden.
Ein weit verbreitetes Motiv ist der Gletscher als übernatürliche Strafe auf einen Frevel gegen Mensch oder/und die Natur. Einst, wo sich heute die Pasterze in den Hohen Tauern erstreckt, gab es ein weites Tal mit einer herrlichen Alm. Kühe und Milch gab es reichlich und so wurde jeden Tag ein Fest gefeiert. Eines Tages nutzen die Bauern die Buttervorräte als Kugeln und die Käselaibe als Kegel für ein Spiel. Doch als ein armer Musiker um etwas Käse und Brot bat, wurde er harsch abgewiesen. Daraufhin entfesselte sich ein schreckliches Gewitter und im Sturm erstarrten in kürzester Zeit Mensch und Tier zu Eis.
Unter dem Vernagt Ferner liegt eine Stadt aus Gold verborgen. Laut
Legende wuchsen in der Nähe der goldenen Stadt Dananä, auf über 2.500 m Seehöhe
gelegen, Weinreben. Doch zur Strafe für den Geiz der Bewohner wurde die
Stadt vom Vernagtferner überdeckt. und auch das Mer de Glace und die Marmolata überdeckten heute einst fruchtbares Land.
Auch im Schweizer Lötschental soll Obst- und Weinbau bis in große Höhe möglich gewesen sein - nur die Sommer waren oft zu trocken. Daraufhin riet ein Zauberer man sollte Eis von sieben verschiedenen Gletschern ins Tal bringen, die das Tal abkühlen sollten. Doch bald begonnen die Eisstücke zu wachsen und bald wurde das Tal vom neuen Gletscher verschlungen. Im Österreichischen Tuxer Tal erklären verschiedene Sagen-Versionen die „gefrorene Wand“. Dort stand vor langer Zeitdie schönste Alm im Tal, die aber einen rechten Geizhals und Menschenschänder gehörte. Einst arbeitete er am Vorabend von „Hoachn Frauenabnd“ (Maria Himmelfahrt), trotz des Brauches den Gesinde eine freien Tag zu gönnen. Ein heftiger Sturm zog auf, und als die Leute am nächsten Tag zurückkamen lag auf der Alm eine Schicht von Schnee und Eis.
BEIMROHR, W. (2008): Warmund Ygl und seine Karte von Tirol. Tiroler Landesarchiv JÄGER, G. (2004): Almen und Gletschervorstöße in der Tiroler Geschichte und Sagenwelt (Teil 2). Der Alm- und Bergbauer, Nr. 1-2: 25-28 SCHARFE, M. (2007): Berg-Sucht – Eine Kulturgeschichte des frühen Alpinismus 1750-1850. Böhlau Verlag, Köln-Weimar: 382 LEITNER, U. (Hrg.) (2014): Berg & Leute – Tirol als Landschaft und Identität.
Seit den 1960er Jahren wird versucht Gemälde als Klimaarchive zu verwenden. Bilder können zwar keine quantitativen Klimadaten liefern, sie liefern aber eine Übersicht über vergangene Klimaveränderungen. So zeigen urzeitliche Felsbilder in der Sahara Tiere die nur in einer Savannen-ähnliche Landschaft vorkommen können, sowie schwimmende Menschen, ein Hinweis darauf das in der Vergangenheit dort feuchtere Zeiten geherrscht haben müssen.
Lange Zeit waren Malerei und Kunst mehr auf den Menschen als seine Umwelt bedacht. Erst mit der holländischen Landschaftsmalerei im 17. Jahrhundert wurde die realitätsnahe Darstellung der Landschaft und Natur üblich. Es ist daher verlockend diese Bilder herzuziehen um die Umwelt und Landschaft in diesen Zeitepochen zu rekonstruieren. Allerdings werden in diesen Bilder oft Bildkompositionen verwendet - auch wenn einzelne Elemente real sind, werden diese in eine idealisierte Landschaft zusammengestellt. Die Gemälde, bei aller Liebe zum Detail, ist den künstlerischen und gesellschaftlichen Formen unterworfen.
So sind auch viele Gemälde die Schnee und Eis in der britischen und niederländischen Landschaft zeigen oft als Hinweis für die mitteleuropäische Kleine Eiszeit gedeutet worden. Diese Periode ungünstiger Klimaverhältnisse, ungefähr vom 13. zum 18. Jahrhundert, ist mittels paläoklimatischer Daten relativ gut gesichert, allerdings können die Klimadaten nicht direkt auf das gesellschaftliche Leben und Kunst zur damaligen Zeit übertragen werden. Künstler wie Pieter Bruegel der Ältere (1525-1569) und Caspar David Friedrich (1774-1840) stellen tatsächlich in ihren Bildern Eislandschaften dar, allerdings sind diese oft nicht auf bestimmte Jahre festzumachen und neben diesen Bildern existieren auch zahlreiche die nichts mit Kälte zu tun haben.
Abb.1. Die Jäger im Schnee, um 1565, als Monatsbild stellt es eine idealisierte Winterlandschaft dar und ist ein Teil einer Serie die verschiedene Jahreszeiten darstellen soll.
Vor allem Pieter Bruegel scheint die Winterlandschaft erst in seinen späten Jahren, ab 1560, entdeckt zu haben.
Der italienische Künstler Giuseppe Arcimboldo (1527–1593) war Hofmaler von Kaiser Rudolf II, berühmt geworden durch seine eigentümlichen Porträts, wo der Monarch als heidnischer Fruchtbarkeitsgott, zusammengesetzt aus den Gaben der Natur, dargestellt wird. Wollte der Auftraggeber mit diesen seltsamen Bildern die Unfruchtbarkeit des Landes, verursacht durch das kalte und nasse Wetter, symbolhaft vertreiben?
Abb.2. "Die Erde" von Giuseppe Arcimboldo, um 1570. Verursachte die Kleine Eiszeit Mangel durch das kalte Wetter und Depressionen wegen den trüben Tagen und stellte sich Rudolf II. deshalb so gerne als strahlender Fruchtbarkeitsgott dar? Eine etwas gewagte These.
Auch hier kann das Bild nicht auf kalte, harte (Klima-)Daten reduziert werden, die Gesellschaft und Interessen des Auftraggebers, die Erfahrung und Weltanschauung des Künstlers, spielten bei weitem die bedeutendere Rolle bei der Auswahl der darzustellenden Objekte.
Literatur:
BEHRINGER, W. (2007): Kulturgeschichte des Klimas - Von der Eiszeit bis zur globalen Erwärmung. C.H. Beck-Verlag, München: 352 HÜTTL, R. (ed.) (2011): Ein Planet voller Überraschungen / Our Surprising Planet - Neue Einblicke in das System Erde / New Insights into System Earth. Springer Verlag: 316
DerInn - größter Fluss Tirols - überschwemmte im Laufe der Jahrhunderte immer wieder den Talboden des
Inntales, und alpine Fließgewässer führten immer wieder zu Schäden (z.B.
im Ötztal). Aus den frühesten Zeiten der Besiedelung Tirols gibt
es keine schriftlichen Belege für Innüberschwemmungen; allerdings
verursachten sie wahrscheinlich zu dieser Zeit auch keinen Schaden,
denn der Talboden wurde zunächst nur sehr wenig genutzt. In der
,,Hochwassergeschichte Tirols" (SCHORN) wird erwähnt, dass für das 14.
und 15. Jahrhundert gleich viele, für das 16. Jahrhundert doppelt so
viele Überschwemmungen in Nord- und Südtirol dokumentiert sind.
Auffallend ist das Abnehmen von Hochwässern im 17. Jahrhundert. Dass das
19. Jahrhundert in Aufzeichnungen die meisten Überschwemmungen
aufweist, dürfte wohl auf die größere Beachtung dieser Ereignisse
zurückzuführen sein. Am häufigsten treten Überschwemmungen zwischen August bis Ende September auf. In diesen
Monaten ist die Gletscherschmelze noch beträchtlich und es setzen häufig
anhaltende Regen ein, so dass sich die Wassermengen addieren.
Gletscher können aber im alpinen Raum auch direkt zu Überschwemmungen führen, nämlich durch Aufstauung von Gletscherseen.
Die
Ötztaler Alpen, als besiedeltes und von Naturkatastrophen gefährdetes
Gebiet, wurden schon früh von Gelehrten bereist, beschrieben und
kartografisiert. Die starke Vergletscherung entlang des
Alpenhauptkammes, vor allem nördlich davon, führte zu Bedrohung von
Siedlungen und Weilern in Form von Gletschervorstößen und
Gletscherseeausbrüche. Dementsprechend war die Beobachtung der Gletscher
auch von politischen und wirtschaftlichen Interesse, und stark
gefördert. Dank der Ausbildung des Rofener Eissees, eines Gletschersees, der zwischen 1600 und 1850 mehrmals ausbrach, existieren
aus dem Gebiet des Ventertales zahlreiche Berichte und Karten.
Abb.1. Darstellung des Rofener Eissee im Juli 1601 nach Abraham Jäger
Die drohende Überschwemmungsgefahr, die vom aufgestauten See ausging, zog das Interesse der Behörden auf sich. Akten des Innsbrucker Archivs wiesen vier Gletschervorstöße mit Stauseeausbildung nach, nämlich 1600, 1680, 1770 und 1845. Die ersten Urkunden tauchen 1599 auf, vorherige Gletschervorstöße werden somit wenigstens schriftlich nicht belegt, auch wenn sie nicht ausgeschlossen werden können. Im Winter 1599 dringt der Vernagtferner bis ins Rofental vor und bildet einen 400m breiten und 200m dicken Eisdamm aus. Am 16 Juli 1600 kommt es zu einem Ausbruch der große Schäden im Ötztal verursacht (Abb.1.). Im darauf folgenden Jahr stößt der Gletscher weiter vor und staut einen See mit einer Länge von 1.200m, einer Breite von 330m und eine Tiefe von 110m auf. Diesmal jedoch entleert sich der See ruhig über eine natürlich gebildeten Kanal zwischen dem 12. Juli und 9. September.
Von einem Geistlichen aus Brixen, ins Ötztal geschickt um die dortige Bevölkerung zu beruhigen, stammt der Bericht über Gletschervorstöße zwischen 1676 bis 1681, die aber zumindest von der Eisdammbildung geringer waren als die Ausdehnungen von 1600. Der Vorstoß zwischen 1677 bis 1678 wurde von behördlich angestellten Wächtern beobachtet. Am 24. Mai 1678 brach der Eistausee innerhalb 4 Stunden aus, ohne jedoch größeren Schaden zu verursachen. Ende Juni begann er sich wieder zu füllen, bis er am 6. Juli 1.110m lang, 300m breit und bis zu 200m tief war. Am 16. Juli kam es zum katastrophalsten Ausbruch des Sees. Weitere Ausbrüche fanden 1679 und am 14. Juni 1680 statt. Im Jahre 1681 wurde die Anstrengung unternommen den Eisstausse durch einen ins Eis gegrabenen Kanal abzuleiten, was bis 1683 auch tatsächlich gelang.
Seit 1678 war der Vernagtferner bereits im Rückzug betroffen, letzte Eisreste im Rofental überdauerten jedoch bis 1712.Über den dritten Vorstoß des Vernagtferners gibt uns eines der ersten wissenschaftlichen Werke über Gletscher Auskunft, das Buch "Nachrichten von den Eisbergen in Tirol" von Josef Walcher. Im Jahre 1770 begannen die Ötztaler Gletscher wieder vorzustoßen, es kam sogar zur Ausbildung eines kleineren Eisstausees beim Gurglerferner im nahen Gurgltal. Die vordringende Zunge im Rofental wurde 1771 noch mit Menschenkraft abgetragen, aber bereits 1772 sah man die Hoffnungslosigkeit der Bestrebungen ein. Im Sommer 1772 bildete sich erneut der See, floss aber gegen Ende des Jahres über natürliche Kanäle im Eis wieder ab. Dies wiederholte sich 1773 und 1774, wobei die Entleerung 1773 zwar schnell erfolgte, durch die kalte Witterung aber die Wasserführung der Rofener Ache sowieso schon gering war und das Flussbett dank behördlicher Maßnahmen in guten Zustand und gefährdete Brücken abgetragen oder überhöht worden waren.
Abb.2. Ausschnitt des "Atlas Tyrolensis" von ANICH und HUEBER 1774, das innere Schnalstal und das innere Ventertal zeigend, sowie die Gletscherausdehnung des Hintereis- (links) und Hochjochferners (rechts). Die Inschrift am Rofener Eissee lautet "…gewester See so Ano 1678, 1679 und 1681 völlig ausgebrochen und sich 1771 wieder gesammelt" Durch das Kartenwerk von HAUSLAB 1817 wissen wir das das Ende des Vernagtferners 1.400m weit von der Rofener Ache entfernt war. Ein erneutes anwachsen des Vernagtferners wird in der Periode 1820 bis 1850 beobachtet. 1822 erreiche die Zunge das Rofental, es kommt aber zu keiner Absperrung des Tales, der Gletscher zieht sich wieder zurück.
Abb.3. Der Rofener Eissee am 16.8.1772, Darstellung in Joseph Walchers "Nachrichten von den Eisbergen in Tyrol" von 1773, der ersten wissenschaftlichen Abhandlung über Gletscher. Titel: Menschen beobachten die chaotische Zunge des Vernagtferners. Darstellung des Gurgler Stausees um 1772, ebenfalls vom Walcher 1773.
Zwischen 13. November 1843 und 1. Juni 1845 kommt es zu einem raschen Vorstoß, mit zuletzt fast 12m am Tag, ein so genannter "Surge". Eine am 14. Juni ausgesendete Kommission findet einen 850m langen, 334m breiten und 29m tiefen Stausee vor. Bei der Rückkehr der Kommission nach Vent kommt es zum Ausbruch (um 16:30), um 17:18 erreichen die Wassermassen Vent (6km entfernt), um 19:00 Sölden (21km), 20:15 Längenfeld (35km) und um 01:30 Innsbruck (102km). Der See bildet sich nach diesem Ereignis wiederholt in 1846 (31. Januar; 8. und 9. Februar; 6. Juli; 6. und 9. Oktober). Vom 18. Dezember 1846 bis 28. Mai 1847 staut sich der Wasserkörper bis auf eine Länge von 1.210m, Breite 260m und Tiefe von 85m auf. Diesmal verläuft der Ausbruch verheerend. Auch der nächste Ausbruch am 13. Juni 1848 (Aufstauung seit 11. September 1847) richtet große Schäden an. 1852 liegt nur noch Toteis im Rofental. 1883 ist das letzte Eis im Tal verschwunden.
Abb.4. Der Eisstausee des Vernagt um 1850, in der Kartendarstellung von SONKLAR 1861 der Ötztaler Alpen mit dem letzten neuzeitlichen Hochstand der Gletscher.
Um 1900 kam es am Vernagtferner zu einem sehr schnellen Vorstoß mit Geschwindigkeiten der Zungenbewegung um die 300m/Jahr. Die Zunge stieß innerhalb relativ kurzer Zeit über einen Kilometer vor, vermutlich in Form einer kinematischen Welle (AMBACH, 1963). Allerdings entstand diesmal kein Gletschersee, und seit 1920 hat sich der Vernagtferner stark zurückgezogen, wie fast alle Gletscher in den Alpen.
Trotz der Verwüstungen die die Ausbrüche waren kaum Menschenleben zu beklagen, die Chroniken berichten nur von zwei Personen, wobei ein Tagelöhner der Hexerei und des Ausbruch des Sees bezichtigt, zum Tode verurteilt wurde.
Mehrmals wurden Maßnahmen vorgeschlagen, die Gefahr zu bannen, meist wurde versucht ein Kanal durch den Felsen oder das Eis zu graben. Am besten bewährte sich in all den Jahren die Beobachtung des Aufstaus des Sees, die Befestigung der Ötztaler Ache in den Tallagen und die Ausweisung von Risikozonen die nicht bebaut werden durften.
Literatur:
BLÜMCKE, A. & HESS, H. (1897): Die Nachmessungen am Vernagtferner in den Jahren 1891, 1893 und 1895 (mit einer Karte und Textfiguren). Wissenschaftliche Ergänzungshefte zur Zeitschrift des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, Bd.1, Heft 1 BRAUN, L.N. & WEBER, M. (2001): Wasserspende aus hochalpinen Gebieten. Die Alpen - ein kostbares Wasserschloss; Fachtagung 26.-28. Nov. 2001 Bad Reichenhall BRAUN, L.N. & WEBER, M. (2002): Droht im nächsten Sommer Hochwasser vom Gletscher? Rundgespräche der Kommission für Ökologie der BAdW FINSTERWALDER, S. (1897): Der Vernagtferner, seine Geschichte und seine Vermessung in den Jahren 1888 und 1889 (mit einer Karte des Ferners in 1:10.000, zwei Tafeln und vielen Textfiguren). Wissenschaftliche Ergänzungshefte zur Zeitschrift des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, Bd.1, Heft 1, 112 KUHN, M. (2004): Die Reaktion der österreichischen Gletscher und ihres Abflusses auf Änderungen von Temperatur und Niederschlag. ÖWAW 56. Jahrgang 56 Heft1-2 Jänner/Februar VONDERMÜHLL, D. & KÄÄB, A. (1999): 6- Selected glaciological research project. Investigations and safety measures in the area of the Gruben Glacier, Valais. The Swiss Glaciers 1993/94 and 1994/95 - Glaciological Report 115/116. Glaciological Comission of the Swiss Academy of Science and VAW/ETH Zürich. WEBER, M. (2003): Gletscherschwund und Klimawandel an der Zugspitze und am Vernagtferner (Ötztaler Alpen). Informationen zum Gletscherschwund - Kommission für Glaziologie der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, 1-10
Der Begriff "Kleine Eiszeit" wurde um 1939 vom amerikanischen Glaziologen Francois Matthes (1875-1949) benutzt um eine Vorstoßphase der nordamerikanischen Gletscher ab dem 13. Jahrhundert zu bezeichnen. Zeitgleich sind Gletschervorstöße auch in Skandinavien und den europäischen Alpen überliefert. Der Begriff wurde vom schwedischen Wirtschaftshistoriker Gustaf Utterström (1911-1985) später aufgegriffen, um eine Zeit, die in Mitteleuropa von politischen Unruhen, Völkerwanderungen Hungersnöten und Ausbreitung von Seuchen gekennzeichnet war, in einen klimatischen Zusammenhang zu stellen.
Die kleine Eiszeit wurde klimatisch in Europa durch eine generelle phasenweise Abkühlung gekennzeichnet. Die Ursache dieser Klimaverschlechterung ist unklar, sie fällt mit einer Phase verminderter Sonnenaktivität zusammen, ist aber auch von gesteigerten vulkanischen Tätigkeit (mit Höhepunkten um 1250-1500 und 1550-1700) gekennzeichnet.
Ab 1601 stößt in den Alpen das Mer de Glace vor und zerstört zwei Dörfer. Der deutsche Autor Martin Zeiller (1589-1661) beschreibt sehr plastisch das Vorrücken des Grindelwald-Gletschers:
"Es ist nicht weit davon der Orthen ein Capellen zu St. Petronel gewesen, dahin man vor alten Zeiten gewallfaret: Welchen Orth dieses Bergs Eygenschafft zum Wachsthumb seythero bedecked hat. Gestalt dann die Landleuthe dort herumb observiren und bezeugen, dass dieser Berg dergestalt wachse und seinen Grund oder Erden vor sich her schiebe, dass wo zuvor eine schöne Matten oder Wiesen gewesen, dieselbe davon vergehe und zum rauen wüsten Berg werde;…"
Nicht nur in Chroniken, auch in den Mythen der Alpen haben diese Gletschervorstöße ihre Spuren hinterlassen. Die Sage, das Gletscher Frevler und Übermütige unter sich begraben, ist weit verbreitet in den Alpen und lässt sich bis ins Jahr 1700 zurückverfolgen.
Besonders wurden die Menschen aber durch eine Häufung von Extremwetterereignissen getroffen. Überflutungen, Muren, Sturm, Hagel und Frost konnten Haus und Hof zerstören, schlimmer noch die Ernte eines gesamten Jahres vernichten, was wiederum zu Teuerung, Hungersnöte und Seuchen führte. In dieser schwierigen Zeit beobachtet auch das Aufkommen einer neuen Art des Aberglaubens - im 14. zum 15. Jahrhundert kommt die Idee verstärkt auf, dass Hexen "Hagel machen" und den Kühen die "Milch stehlen".
In einer Chronik die in der Bayerischen Staatsbibliothek aufbewahrt wird, heißt es wörtlich:
"1445 In diesem Jahr war ein sehr großer Hagel und Wind als vor nie gewesen, thät großen Schaden, ihro wegen fing man allhier etliche Weiber, welche den Hagel und Wind gemacht haben sollen, die man auch mit Urthel und Recht verbrennt."
Abb.1. Zwei Hexen bei der Zubereitung eines Hexensuds zur Erzeugung von Hagel und Unwetter, Holzschnitt aus "De laniis et phitonicis mulieribus" (1489), ein Pamphlet verfasst vom deutschen Jurist Ulrich Molitor (1442-1508).
"Anno 1626 den 27. May ist der Weinwachs im Frankenland im Stift Bamberg und Würzburg aller erfroren wie auch das liebe Korn, das allbereitt verblüett... das bei Manns Gedenken nit geschehen und eine große Theuerung verursacht... Hierauf ein großes Flehen und Bitten unter dem gemeinen Pöffel, warum man solange zusehe, das allbereit die Zauberer und Unholden die Früchten sogar verderben." Chronik der Familie Langhans, Zeil (Franken)
Schadenszauber was schon in der Antike ein beliebter Anklagepunkt für angebliche Zauberer, allerdings sieht man jetzt darin eine regelrechte Teufels-Verschwörung. Der Historiker Wolfgang Behringer argumentiert, dass die Hexenverfolgung im Mittelalter indirekt vom Klima beeinflusst wurde. Das gehäufte Vorkommen von Unwettern und Kälteeinbrüche demoralisierte den gemeinen Pöbel, der entschlossenes Handeln von der lokalen Obrigkeit verlangte - eine Antwort war die vermuteten Verursacher der Unwetter - die Hexen - einzufangen und abzuurteilen.
„Wenn ihre Teufelskunst und Zauberei nicht an den Tag gekommen wäre, hätten sie vier Jahre kein Wein und Getreide wachsen lassen, wodurch viele Menschen und Vieh an Hunger gestorben wären und ein Mensch den anderen hätte fressen müssen. Gott, der Herr, hat dies nicht geschehen lassen wollen und an den Tag gebracht, so daß über 1.200 sind verbrannt worden und werden noch täglich viele verhaftet und verbrannt. Auch haben sie gestanden, da sie giftige Nebel gemacht haben, so daß viele Menschen und Tiere haben sterben müssen. Durch ihre Teufelskunst haben sie den Menschen auch große Krankheiten gebracht und Apfel, Birnen und das Gras auf den Wiesen verdorben....[]… (Zwei Bürgermeister) haben bekannt, daß sie viel schreckliche Wetter und große Wunder gemacht, so daß viele Häuser und Gebäude eingeworfen und viele Bäume im Wald und Feld aus der Erde gerissen wurden... Es sind auch etliche Mädchen von sieben, acht, neun und zehn Jahren unter diesen Zauberinnen gewesen. Zwanzig sind hingerichtet und verbrannt worden...[]... Besonders verwunderlich ist, daß solche kleinen Kinder Donner und Blitz zuwege bringen können.“ Aus den Chroniken der Hochstifte Bamberg und Würzburg, 1626-30
In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts beginnt die Inquisition Gericht zu halten, zuerst in Südfrankreich, Norditalien und der südwestlichen Schweiz - wobei die Inquisition am Anfang eine Antwort der Kirche auf die Ketzerbewegungen der Katharer und Waldenser war. Im Laufe des 15. Jahrhunderts breiten sich die Prozesse aus, ab 1430 kommt es zu einem Übergang von der Anklage der allgemeinen Zauberei zu der der Hexerei. Vor allem in den Gebieten der heutigen Schweiz, Österreich, Polen und Deutschland kommt es zu zahlreichen Prozessen von Seiten der weltlichen Gerichte mit anschließenden Todesurteilen.
Die Anklage des Schadenszaubers und Manipulation des Wetters spielt dabei eine wesentliche Rolle, auch weil es sich um ein "konkretes Verbrechen" handelte, im Unterschied zu anderen Hexenverbrechen, wie Besuch eines Hexensabbat oder Teufelsbuhlschaft, die schwer nachzuweisen waren und außerdem selbst von den meisten Zeitzeugen mehr als Ammenmärchen denn als Tatsachen angesehen wurden.
Teilweise antworteten die Angeklagten selbst mit Galgenhumor auf die ihnen vorgeworfenen Missetaten. Im Jahre 1595 wurde in der Brixner Gegend der Bauer Christoph Gostner der Wettermacherei angeklagt, darauf versuchte er das Gericht zu überzeugen, dass er nur in bester Absicht handelte und die ankommenden Unwetter ablenkte…
"Zurück nach hinten getrieben auf das höchste Gebirge, wo kein Hahn kräht, kein Heu gemäht wird, wo kein Ochs liegt und keine Blume blüht, dass es niemanden einen Schaden antue, und wie er glaubte, wurde der Schauer so gleich zu bloßem Wasser"
Auf die Gegenfrage, wieso er dann ein kürzlich stattgefundens verheerende Unwetter nicht verhindert hätte, antwortete der Schelm, dass er es wohl verschlafen habe und "betrunken gewesen [sei] dieselbige Nacht".
Die Hexenverfolgung nahm während einer milderen Klimaphase zwischen 1520 - 1560 ab, um anschließend zwischen 1560 und 1660 einen Höhepunkt zu erreichen. Die kleine Eiszeit erreicht ihren Höhepunkt um ungefähr 1680 - 1730, in den Alpen kam es zwischen 1550-1560 und 1580-1600 zu kalten Frühjahren und Auflassung von Almen.
Abb.2. Die Europäische Hexenverfolgung erfolgte zwischen 1430-1780, mit Höhepunkten zwischen 1560-1580, 1600-1618 und 1626-1630.
Zu vereinzelten Hexenprozesse kommt es noch zwischen 1715-1722 im Königreich Bayern, im Schweizer Kanton Zug (1737-1738) und in Würtenberg und Würzburg (1746-1749). Die letzte deutsche Hexe wurde in 1775 hingerichtet, die letzte europäische Hexe in 1782. Die kleine Eiszeit endet dann auch um 1850.
Natürlich spielen bei der Hexenverfolgung soziale Faktoren eine wesentlichere Rolle und das Klima war eher ein Schrittmacher als der Auslöser. In Gebieten mit einer zentralistischen Regierung und einheitlichen Gesetzgebung waren Hexenprozesse zum Beispiel weitaus seltener, da der Gesetzgeber überzeugende und daher schwer zu beschaffende Beweise der Hexerei verlangte. Im ländlichen Raum waren die zuständigen Behörden außerdem eher gewillt den Willen des Volkes nach einem Sündenbock in Menschengestalt nachzugeben. Politische und soziale Krisen und Kriegszeiten (so fällt der Höhepunkt der Hexenprozesse in Deutschland mit dem Höhepunkt des Dreißigjährige Krieg von 1618 bis 1648 zusammen) - spielen auch eine Rolle in der Bereitschaft die Hexerei bis zur letzten Konsequenz - der Hinrichtung - nachzugehen, so waren teilweise den Behörden die Hexenprozesse zu teuer und ihr - vermuteter - Nutzen zu gering um überhaupt eine systematische Hexenverfolgung zu initiieren. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts verlieren die Hexenprozesse schließlich mehr und mehr an "ideologischem Hintergrund" bis zur vollständigen Einstellung der Verfahren. Literatur:
"Noch starrt das Land von fremden Zentnermassen; Wer gibt Erklärung solcher Schleudermacht? Der Philosoph, er weiß es nicht zu fassen, Da liegt der Fels, man muß ihn liegen lassen, Zuschanden haben wir uns schon gedacht. – Das treu-gemeine Volk allein begreift Und läßt sich im Begriff nicht stören; Ihm ist die Weisheit längst gereift: Ein Wunder ist's, der Satan kommt zu Ehren."
Mephistopheles in Goethes "Faust - Der Tragödie zweiter Teil" (1832)
In
weiten Teilen Europas und Nordamerikas können einzelne, große Blöcke gefunden
werden, deren Gesteinsart sich stark von der Umgebung unterscheidet wie z.B. Granitblöcke
die auf Sedimentgestein aufliegen.
Mythen und Legenden ranken sich um diese seltsamen
verirrten Blöcke. Einst – so eine der unzähligen
Geschichten - versprach ein habgieriger Bauer dem Teufel seine Seele, falls der
es schaffe in nur eine Nacht eine Mauer um seine Ländereien zu errichten. Der Leibhaftige
machte sich flugs an die Arbeit, und schon bald wurde dem Bauer Angst und Bange
und er bereute seine törichte Wette. Er rannte zum hiesigen Pfarrer, der zum Glück
guten Rat wusste. Gerade als der Teufel den letzten Felsblock heranflog und am
Horizont bereits die Morgenröte heranbrach, läutete er die Kirchenglocke und
dem Teufel entglitt vor lauter Schrecken der Felsblock, der vom Himmel stürzte -
und da liegt er noch heute.
In
Skandinavien wurden die Findlinge als “Wurfsteine der Riesen“ bezeichnet. Um
Grenzstreitigkeiten aus dem Weg zu räumen bewarfen sich die Trolle (die laut
norwegischen Legenden schon mal haushoch wurden) schon mal mit Felsbrocken oder
bauten (Moränen-)Wälle um sich zu schützen.
Tatsächlich
rätselten auch angesehene Naturforscher lange Zeit was es mit den erratischen
Blöcken denn nun auf sich hatte. Die frühesten Beschreibungen von Findlingen
stammen vom Historiker Karl Nicolaus Lange (1670-1741) und dem Mediziner Lars
Roberg (1664-1742), die sich allerdings darauf beschränkten die Blöcke als
seltsame Sehenswürdigkeiten in ihren Reiseerzählungen zu erwähnen.
Die
Schweizer Mediziner und Naturforscher Louis Bourget (1678-1740) und Moritz Anton Cappeler(1685-1769, der auch ein viel beachtetes mineralogisches Werk
publizierte) ließen die Steine einfach vom Himmel fallen*. Der Geologe JeanAndré Deluc (1727-1817, der auch den Begriff Geologie in den allgemeinen
Gebrauch als Wissenschaft der Erde einführte) und der Ingenieur Johann Esaias Silberschlag (1721-1791) vermuteten das heftige unterirdische Gaseruptionen die
Blöcke durch die Luft schleudern konnten. Der Französische Naturforscher
Dolomieu (1750-1801) erklärte die Verteilung der Blöcke als Reste einer
erodierten Gesteinsfläche.
Der
Schweizer Naturforscher Gottlob Sigmund Gruner (1717-1778) publizierte zwischen
1760 und 1762 sein Werk „Die Eisgebirge des Schweizerlandes“ wo er richtigerweise
den Herkunftsort der rätselhaften Felsblöcke, die überall in den Alpenvorland
gefunden wurden, in den Alpen selbst vermutete (er bezeichnet die Blöcke als Geißberger, da sie aus den Geißbergen stammen).
Der Schweizer Naturforscher Horace Benedict de Saussure (1740-1799) formulierte
daraufhin eine der überzeugendsten Erklärungen – eine gewaltige Flut,
vielleicht auch die biblischen Flut –hatte die Blöcke aus den Bergen
mitgerissen und sie auf den flachen Ebenen abgelagert. Diese Hypothese passte
zu den Beobachtungen von zeitgenössischen Überflutungen die durch Ausbrüche von
Gletscherseen große Schäden in den Alpentälern verursachten. Im Winter 1817/18
brach ein 2 Kilometer langer und 60 Meter tiefer Stausee aus, der durch einen
Eisfächer des Giétroz-Gletscher aufgestaut worden war. Im Sommer 1818 brach der
Fluss Dranse abermals durch den natürlichen Damm und noch im 44 Kilometer
entfernten Rhonetal fand man große Granitblöcke die die Flut mitgerissen hatte.
Abb.2. Der Naturforscher Escher von der Linth (1767-1823) zeichnet im Jahre 1818 den natürlichen Eis-Staudamm der die Dranse aufstaute als Beispiel dafür wie plötzliche und heftige Sturzluten im Gebirge entstehen können.
Der große Geologe Leopold von Buch (1774-1853) war einer der wichtigsten
Anhänger dieser „Fluthypothese“ und blieb es auch bis zu seinem Lebensende.
Dieweite Verbreitung der Findlinge
erklärte er durch den Ausbruch großer Seebecken in den Alpen, die Flut
beförderte Blöcke ins Alpenvorland. Die Verbreitung bestimmter Gesteinsarten
erklärte er durch Strömungsänderungen in der schlammigen Flut (heute werden die
verschiedenen Herkunftsorte der Findlinge benutzt um Einzugsgebiete und
Ausdehnung der ehemaligen Gletscher zu rekonstruieren).
Um 1830 kam eine
abgeänderte Version der Fluthypothese auf – da klar wurde das besonders große Findlinge
auch von einer noch so gewaltigen Flut nicht bewegt werden konnten und sich
auch die Hinweise auf ehemalige Klimaveränderungen häuften, nahm man an das die
Blöcke in Eisbergen eingefroren waren. Stieg das Wasser, schwammen die Eisberge
obenauf, sobald sie schmolzen lagerten sich die Blöcke ab.
Abb.3. aus Bristow, H.G. (1872):
The world before the deluge zeigt eine der gängigen
Hypothesen um die erratischen Blöcke zu erklären. Nachdem klar wurde dass auch
Flutwellen schwerlich in der Lage sind besonders große Findlinge zu
transportieren, wurde als Alternative die Eisdrifthypothese formuliert - Eis um
die Blöcke würde es dem Wasser wesentlich erleichtern die schweren Steine zu
transportieren.
*(die Lenape- oder Delaware-Indianer vom Gebiet der großen
Seen in Nordamerika kennen Findlinge als "pamachapuka" - die Steine
vom Himmel)
Literatur:
SEIBOLD, E. & SEIBOLD, I. (2003): Erratische
Blöcke-erratische Folgerungen: ein unbekannter Brief von Leopold von Buch von
1818. Int. J. Earth Sci. (Geol. Rundschau) 97: 426-439
Louis Rodolphe Agassiz wurde am 28. Mai 1807 geboren und ist heute vor allem als (Fische-) Paläontologe und Eiszeit-Advokat bekannt.
Wie so oft in der Geschichte großer geologischer Ideen, war Agassiz nicht der Erste der Vorschlug, dass in der geologischen Vergangenheit Gletscher große Teile der damals bewohnten Welt (sprich Nordamerika und Europa) bedeckt hatten. Der Dänische Mineraloge und Bergsteiger Jens Esmark (1763-1839) publizierte bereits im Jahre 1826 einen Artikel, in dem er eine größere Ausdehnung der rezenten Gletscher vorschlug. Der schottische Geologe James Hutton (1763-1797) und sein guter Freund John Playfair (1748-1819) spekulierten über eine großflächige Vereisung der nördlichen Hemisphere - tatsächlich wurden in der Universität Edinburgh diese glazialen Theorien sogar währen den Vorlesungen für Studenten diskutiert.
Allerdings ist es tatsächlich Agassiz (und seinen guten Ruf in der damaligen Gelehrtenwelt) zu verdanken, dass die Eiszeittheorie nach einem Vortrag im Jahre 1834, und Publikation in 1840, rasch an Bedeutung und Akzeptanz gewann. Allerdings nicht ohne kleinere Rückschläge, in einem Brief an Agassiz schreibt Alexander von Humboldt am 2. Dezember 1837:
"Ich fürchte, Sie arbeiten zu viel, und (soll ich so offen sein ?) ich denke Sie breiten Ihren Intellekt über zu viele Subjekte gleichzeitig aus. Ich schlage vor, sie konzentrieren sich auf ihr großartiges Werk über fossile Fische…[]… Kein Eis mehr, nicht zuviel Stachelhäuter, und reichlich Fisch…"
Abb.1. Das Zeitalter des Diluviums, oder Eiszeit, Abbildung aus UNGER, F. (1851): Ideal Views of the Primitive World, in its Geological and Palaeontological Phases. Taylor and Francis, London
In der Nacht vom 14. zum 15. April 1912 kollidierte eines der modernsten und größten Schiffe seiner Zeit im nördlichen Atlantik mit einem mittelgroßen Eisberg. Ein direkter Aufprall wurde durch ein Ausweichmanöver verhindert, allerdings wurde der Bug der "Titanic" auf einer Länge von 90m beschädigt und die vernieteten Stahlplatten platzten abschnittsweise auseinander - Wasser dringt ein und zieht langsam aber unerbittlich den Bug unter die Wasserlinie, das Schiff ist verloren.
Das Schicksal der Titanic hat zahllose Bücher und Filme inspiriert, die Geschichte des zweiten großen Darstellers, des Eisbergs, ist heute aber fast vergessen.
Abb.1. Eisberg und Eisfeld, fotografiert von Bord der "Carpathia", das erste Schiff das die Unglückstelle am Morgen des 15. April erreichte, aus dem Buch "Sinking of the Titanic - The World´s Greatest Sea Disasters" (1912).Es gibt zahlreiche Berichte von Überlebenden - sogar die des Ausgucks der ihn als erster sichtete - die den Eisberg der Titanic beschreiben, und noch mehr Photographien die später von Schiffen aus aufgenommen wurden. Allerdings gibt es keinen eindeutigen Beweiße das unter den gesichteten Eisberge tatsächlich der "schuldige" Berg gefunden wurde.
Eisberge im Nordatlantik stammen vorwiegend von den kalbenden Gletschern an der Westküste von Grönland. Meeresströmungen treiben diese dann mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 0,7 Stundenkilometer zunächst nach Norden bis zur Kanadischen Küste. Hier geht die West-Grönland Meeresströmung in den Labradorstrom über, der nach Süden hin "fließt" - und mit ihm auch zehntausende von kleinen und großen Eisbergen. Vor der Küste Neufundlands treffen die kalten Meeresströmungen auf den warmen Golfstrom. Nur noch wenige Eisberge überdauern bis zu diesem Punkt die 5.000 Kilometer lange Reise, aber genau hier kreuzen sie die viel befahrene Nordatlantikroute. Es wurde spekuliert ob 1912 die Anzahl von größeren Eisbergen in diesem Gebiet ungewöhnlich war. Zahlreiche telegraphische Meldungen wurden seinerzeit an die Titanic gesendet, zumeist von Schiffen die Eisberge gesichtet hatten oder in der Nacht auf eine Weiterfahrt verzichteten und vor Eisfeldern stoppten. Die Anzahl der Meldungen scheint außergewöhnlich hoch zu sein, allerdings gibt es keine offiziellen Zahlen, da vor 1912 Eisberge nicht überwacht wurden. Erst nach der Katastrophe wurden zunächst Frachter, später Kriegschiffe, auf Patrouille im Nordatlantik geschickt.
Das vermehrte Auftreten von Eisbergen wurde durch Temperaturschwankungen im Nordatlantik erklärt: nach einer Arbeitshypothese verstärkten milden Temperaturen in den Jahren 1900 bis 1910 die Aktivität der Gletscher in Grönland, mehr Eisberge wurden daher auf "die Reise geschickt". Eine alternative Hypothese schlägt vor, dass die kalten Wassertemperaturen seit 1910 ein Vorstoßen der Eisberge nach Süden hin begünstigte. Beide Hypothesen sind schwierig zu überprüfen, da es keine genauen Daten zur Anzahl der Eisberge bis 1912 gibt. Es scheint eine schwache Korrelation im 20 Jahrhunderts zwischen der Temperatur des Atlantiks und die Anzahl gesichteter Eisberge auf den 48. Breitengrad zu geben, allerdings sind die Schwankungen beträchtlich und vermutlich gab es bevor und nach der Titanic starken Eisgang; 1912 war daher wahrscheinlich kein besonderes Jahr und die Kollision, wie so oft, ein Unglück.