Es war ein schneller und einsamer Tod, der ungefähr 45 Jahre alte Mann wurde von einem Pfeil in den Rücken getroffen und verblutete innerhalb weniger Minuten hingekauert in einer Flachen Mulde im steinigen Gelände. Die Leiche wurde am Tatort zurückgelassen, die Angreifer vermuteten wohl das Tiere und die Zeit die Leiche "entsorgen" würden, aber die trockene und kalte Luft auf über 3.200 Meter Meereshöhe trocknete den Körper rasch aus. Während des Winters bedeckte Schicht um Schicht aus Schnee die Mulde und den Körper, der Schnee wandelte sich mit der Zeit in Eis um und das Eis konservierte den Leichnam für die nächsten Jahrtausende.
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Abb.1. und 2. Schnee bedeckt im Spätsommer die Mulde in der die Mumie eines kupferzeitlichen Mannes gefunden wurde. |
Erst am 19. September 1991 - vor 20 Jahren - entdeckten zwei deutsche
Touristen, Helmut und Erika Simon, auf eine Wandertour rund um die
Similaunhütte die Mumie die nach einer starken Abschmelzphase der
Gletscher aus dem Eis herauslugte.
Ötzi - wie er bald darauf von den Medien getauft wurde - ist eine
einzigartige Zeitkapsel aus der Epoche der späten Kupferzeit. Aber die
Untersuchung des Leichnams und der mitgeführten Ausrüstung erbrachte
nicht nur kulturgeschichtlich wichtige Informationen, sondern lieferte
auch Hinweiße der Gletschergeschichte während der ersten Hälfte des
Holozäns. Glaziale Sedimente die aus diesem Zeitabschnitt stammen
existieren praktisch nicht, spätere Gletschervorstöße haben sie
erodiert. Kleinere Gletscherstände wurden jedoch aufgrund klimatischer
Hinweiße aus Pollenkurven vermutet.
Während des letzten Hochglazials vor ungefähr 18.000 waren die
Zentralalpen beinahe vollständig von Eis bedeckt, nur die höchsten Grate
und Gipfel lagen wie Inseln inmitten des weißen Meers verteilt. Im
Bereich der Similaunhütte konnte eine Erosionslinie die vom fließenden
Gletschereis verursacht wurde auf eine Meerehöhe von 3.060 zu 3.400
Metern gefunden werden.
Die Mumie liegt auf 3.200 Metern und wurde mittels Radiokarbonmethode
auf ein Alter von 4.500-4.580 Jahre datiert. Die Einbettung in Eis und
die gute Erhaltung lassen vermuten dass Ötzi relativ rasch nach seinem
Tod von Schnee und später von Eis bedeckt wurde - die Landschaft also
zunächst eisfrei war und sich bald darauf ein Gletscher zu bilden
begann. Dieser klimatische Wandel ist auch durch Bodenhorizonte nahe der
Fundstelle belegt, die ebenfalls Alter von 5.600 bis 3.800 Jahre
aufweisen. Böden brauchen ein eisfreies Gelände und größere
Zeitabschnitte um sich zu bilden, man vermutet 500 bis 1.200 in diesem
Fall - also herrscht zumindest in diesen Zeitabschnitt ein relativ
mildes Klima.
Der Eismann und seine Fundstelle beweißen dass zwischen 9.000 und 5.000
Jahren die Gletscher kleiner waren als in der nachfolgenden zweiten
Hälfte des Holozäns.
Auch die Artefakte ermöglichen eine Rekonstruktion der Umgebung von
Ötzi. Der Mann aus dem Eis konnte aus einer reichen Umwelt benötigte
Rohstoffe gewinnen: Die Axt und der Bogen sind aus elastischem Holz der
Eibe (Taxus baccata) hergestellt, die 14 Pfeile aus hartem Holz der
Hasel (Corylus avellana), der Dolchgriff besteht aus hartem Eschenholz
(Fraxinus excelsior), das Halfter ist mit Rinde der Linde (Tilia)
hergestellt. In einem Birkenrindengefäß (Betula) wurde Holzkohle von
Fichte oder Lärche (Picea / Larix), Kiefer (Pinus mugo), Grünerle (Alnus
viridis), Weide (Salix reticulata) und Ulme (Ulmus) gefunden.
Die meisten dieser Arten kommen noch heute in den Tallagen des
Vinschgaus und des Schnalstales vor: ein von Laubholz dominierter, Wärme-liebender Mischwald.
Die botanische Hinweiße bestätigen ein Klima vergleichbar den modernen
Verhältnissen, mit Gletschern ähnlicher Ausdehnung wie in den modernen
Zeitepochen - allerdings mit der fortschreitenden Klimaerwärmung und der
verstärkten Gletscherschmelze sind die Gletscher auf ein historisches
Minimum zurückgewichen, dass in den letzten 5.000 Jahren nicht
unterschritten wurde - und sie schmelzen weiter.
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Abb.3. Rekonstruktion des Holozäns in den europäischen
Alpen mit Gletscherschwankungen in der Schweiz und Österreich nach
MAISCH (2000), PATZELT et al. (1996) und PATZELT (2000). Der erste Teil
des Holozäns wurde von einem relativ milden Klima gekennzeichnet, mit
geringfügigen Schwankungen der Alpengletscher - Ötzi starb während eines
Gletschervorstoßes mit der Bezeichnung Rotmoos II. |
Literatur:
BARONI, C. & OROMBELLI, G. (1996): Short paper – the alpine “Iceman” and Holocene Climatic Change. Quaternary Research 46: 78-83
MAGNY, M. & HAAS, J.N. (2004): Rapid Communication – A major widespread climatic change around 5300 cal. yr BP at the time of the Alpine Iceman. Journal of Quaternary Science 19(5): 423-430
MAISCH, M. (2000): The longterm signal of climate change in the Swiss
Alps: Glacier retreat since the end of the little Ice Age and future ice
decay scenarios. Geogr. Fis. Dinam. Quat. 23: 139-151
OEGGL, K. (2009): The significance of the Tyrolean Iceman for the archaeobotany of Central Europe. Veget. Hist. Archaeobot. 18:1-11
PATZELT, G.; BORTENSCHLAGER, S. & POSCHER, G. (1996): Exkursion A1 –
Tirol: Ötztal-Inntal. Exkursionsführer DEUQUA-Tagung
Gmunden/Oberösterreich 14-16.9.1996: 23
PATZELT, G. (2000): Natürliche und anthropogene Umweltveränderungen im
Holozän der Alpen. Rundgespräche der Komission für Ökologie, Bd. 18
Entwicklung der Umwelt seit der letzten Eiszeit: 119-125